Das Fairteiler Café in Braunschweig – ein Projekt für mehr Lebensmittelwertschätzung

„Das Essen, das wir weltweit wegwerfen, würde dreimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.“

Valentin Thurn, Dokumentarfilmer und Journalist

Weltweit werden jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet – das entspricht einem Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion! Industrieland Deutschland macht mit 18 Millionen Tonnen einen erheblichen Anteil daran aus – dabei wären etwa 10 Millionen Tonnen davon durch einen achtsameren Umgang vermeidbar.

Gemeinsam mit dem Sandkasten, der Partizipationsplattform der TU Braunschweig, wollen wir daran etwas ändern und haben deshalb ein neues Gastronomie-Projekt ins Leben gerufen. Mit dem Fairteiler Café (vorläufiger Arbeitstitel), einem Mischkonzept aus Kaufladen und Lokal möchten wir übriggebliebene, aber noch genießbare, Lebensmittel vor der Tonne retten und ihnen ihren Wert zurückgeben – verarbeitet zu leckeren Speisen oder im Shop-Bereich als Ware zum Mitnehmen. Das Fairteiler Café soll Bistro, Laden, Projekt-Küche und Workshop-Raum in einem sein – denn wir wollen gleichermaßen einen Ort zum Genießen und zum Lernen schaffen. Wir wollen Gastgeber, aber auch Bildungsort sein – Menschen mit leckerem Essen versorgen und gleichzeitig für Nachhaltigkeit begeistern. Ermöglichen wollen wir dies gemeinsam mit verschiedenen Nachhaltigkeitsprofis und durch Kooperationen mit Handel und Erzeugern – denn dort fängt das Problem bereits an.

Rund 5 Millionen Tonnen Lebensmittel gehen schon während der Erzeugung verloren. Durch unvermeidbare Ernteverluste, aber auch durch alberne EU-Normen, die doch so gar nichts über Geschmack oder Nährwert aussagen. Durch direkten Kontakt zu den Erzeugern wollen wir aussortiertem Obst und Gemüse sowie Überschussware ein zweites Leben geben.

Im Handel werden rund 2,5 Millionen Tonnen verzehrfähiger Ware aussortiert – weil sie nicht mehr ganz frisch ausschaut oder fast das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hat. Wie wir wissen, sagt dieses nichts über die Lebensmittelsicherheit aus, denn mit dem MHD will der Handel sich nur vor Reklamationen aufgrund von möglichen Veränderungen in Konsistenz und Farbe schützen. Schmackhaft und sicher sind viele Lebensmittel aber noch weit darüber hinaus.

Durch Kooperationen mit Groß- und Einzelhandel, mit Supermärkten und mit Bäckereien wollen wir Abgelaufenes, Aussortiertes und Überschüssiges retten, das noch gut und viel zu schade für die Tonne ist.

Bei Großverbrauchern, z.B. Restaurants oder Kantinen, geht in etwa die gleiche Menge flöten – durch falsche Kalkulation und Lagerung, aber auch durch halb(herzig)e Verwertung. Wir wollen das, was bei anderen Gastronomen übrig bleibt, retten und weiter verwerten oder nach dem „Choose-What-You-Pay“-Prinzip zur direkten Mitnahme anbieten. Außerdem werden wir unsere Rezepte so kreieren, dass wir sämtliche essbaren Teile verwerten – quasi von der Wurzel bis zum Blatt. Ihr werdet euch wundern wie lecker beispielsweise Karottengrün-Pesto ist!

Die doppelte Menge, also der ganze große Rest, wandert im Privathaushalt in den Müll – bei uns zuhause! Können wir uns das leisten? Natürlich nicht! Weder gegenüber der Umwelt, noch gegenüber unserem Geldbeutel, wenn wir ehrlich sind. Was wir konkret dagegen tun können? Aufklären, uns weiterbilden, schlau einkaufen und kreativ werden. Wie, das wollen wollen wir euch in unserer eigenen Projekt-Küche, bei Workshops zur Haltbarmachung, Resteverwertung, und Zero-Waste-Küche vermitteln. Außerdem werdet ihr bei den Produkten im Ladenbereich selbst immer wieder Rezeptideen finden – damit ihr gar nicht lange überlegen müsst, wie ihr eure Ausbeute denn nun auch rechtzeitig verwertet bekommt und somit auch wirklich vor der Tonne bewahrt.

Je nach Angebot an zu rettenden Lebensmitteln wird natürlich auch das Angebot bei uns variieren – daher wird es keine feste Speisekarte geben, sondern immer eine tagesfrische Auswahl an verschiedenen Speisen und Waren. Wie bereits angedeutet, planen wir, die Lebensmittel im Ladenbereich nach dem „Choose-What-You-Pay”-Prinzip anzubieten. Du bezahlst einfach das, was dir dein Einkauf wert ist – was die Lebensmittel dir wert sind. Für die Speisen im Gastronomiebereich sollen zwar Festpreise gelten, diese werden sich aber in einen „studifreundlichen“ Betrag und einen Soli-Betrag gliedern – so kann jede*r (finanziell) geben was er oder sie kann und will.

Sämtliche Preise verstehen sich als Spende und werden direkt in das Projekt reinvestiert. Übrigens – falls sich jemand sorgen sollte, dass wir den Tafeln und anderen gemeinnützigen Organisationen die Lebensmittel wegnehmen könnten – tatsächlich sind die Summen an überschüssigen Lebensmitteln so immens, dass trotz dieser tollen Hilfsangebote immer noch viel zu viel weggeschmissen werden muss. Wir sehen das Fairteiler Café also eher als weiteren Helfer im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung.

Auch sonst wollen wir möglichst keine Kompromisse machen: bei der Ausstattung setzen wir vornehmlich auf Second-Hand-Funde sowie DIY- und Upcycling-Projekte; beim Transport werden wir so viel möglich mit dem Lastenrad erledigen und für größere Lieferungen werden wir natürlich ebenfalls nach der bestmöglichen Lösung streben.

Zunächst ist das Projekt als Pop-up-Format innerhalb des TU-Kosmos geplant, aber wer weiß – bei genügend Zuspruch und einer geeigneten Immobilie mausert es sich vielleicht zum neuen Ökokind der Braunschweiger Gastronomie. Denn wir wissen ja – die Jungen sind die Zukunft.

 

Quellen zu den genannten Zahlen: WWF, 2015; FAO, 2013

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